„Ab in die stille Welt!“

Da liegt er nun, mein mir seit unendlich langen Jahren angetrauter Ehemann. Die Augen sind geschlossen , der Magen ist gefüllt , die Ohren hat er „abgestellt“.
Kurzum: Erich ist nicht mehr „online“. Jetzt schnarcht er auch noch, - aber er hört es ja nicht. Seine beiden Cochlear-Implantate, die das Gehör ersetzen, liegen auf dem Wohnzimmertisch und er selbst auf dem Sofa daneben. Er ist sowieso kein redseliger Mensch. Unterhaltungen kann man

auch kurz und knapp führen – oder unbeteiligt daneben sitzen. „Meine Frau redet für mich mit!“ Stimmt. Seit fast 34 Jahren. Die Zahl der Jahre erschreckt mich gerade. Immer wieder, wenn Unterhaltungen ihm zu laut werden, wenn mehrere Personen gleichzeitig reden und er nichts mehr so richtig versteht, macht er „klick – klick“. Das heißt: er schaltet seine beiden CI’s einfach ab und taucht ab in die „stille Welt“, wie er sagt. Unzufrieden ist er dabei nicht. So mancherlei dumme Bemerkungen, Auseinandersetzungen, Meinungsverschiedenheiten kann er nicht hören – registriert er einfach nicht. Hat das nicht manchmal auch etwas Gutes? Aber: ist diese Stille nicht auch beängstigend – so gar nicht anwesend zu sein? Nur körperlich? Verletzlicher ist er geworden, mein Gatte – das ist klar. Missverständnisse sind auch heute noch vorprogrammiert. Aber man arrangiert sich. Irgendwie. Nach 15 Jahren mit einem hörbehinderten Ehemann hat man sich „Eselsbrücken“ gebaut. Denn Mundablesen klappt nicht – weil er spätertaubt ist. Richtig schlimm wurde es, nachdem er 8 Jahre an einer extrem lauten Maschine im Werkzeugbau arbeitete. Sein Gehör wurde immer schlechter, meine Sprache immer lauter. Das war anstrengend und blieb nicht ohne Folgen. Jetzt spielen wir oft Karten. Phase 10. Erichs Adrenalinspiegel steigt ins Unermessliche, wenn er im Begriff ist, zu verlieren. Ich freue mich diebisch, wenn er seine „stille Welt“ verlässt und auch mal lauthals schimpft. Kapitulation ist verboten bei mir. Das weiß er. Er fordert „Revanche“, wenn er verliert – und später taucht er wieder ab in die Stille. Soll er. Er hat seine Selbsthilfegruppen der Hörgeschädigten und die der CI-Träger. Dort tauscht er sich aus. Da hört er hin. Was lernen wir daraus? Aus der Stille das Beste zu machen und zufrieden zu sein. Unser aller „Chef dort oben“ passt schon auf ihn auf und leiht ihm sein Ohr, wenn er was auf dem Herzen hat und mal grade wieder nicht online ist.

Copyright © 2014. All Rights Reserved.